#1 Hannes Egger

Foto: Hannes Egger

#1 Hannes Egger

Hannes Egger ist einer dieser Personen, deren Weg man vor Jahren einmal gekreuzt hat, und denen man immer wieder mal begegnet – geplant, oder auch einfach zufällig. So war es auch letztens bei der Promotour meines Buches „111 Orte in Meran, die man gesehen haben muss.“ Hannes hat mich damals zur Podiumsveranstaltung „Schwarzschmied Talks & More“ eingeladen, die er organisiert und auch moderiert. Hauptberuflich ist Hannes aber Künstler. Er beschreibt seine Arbeit als einen-konzeptuellen Ansatz, der darauf aus ist, mit der Gesellschaft zu interagieren um sie dazu anzuregen eine andere Sicht auf den Raum zu bekommen den sie bewohnen. Zusammen mit sechs weiteren Künstlern hat er 2019 das Projekt „Bivacco“ auf die Beine gestellt und während der Biennale di Venezia präsentiert. Das Projekt stellt eine Allegorie eines Durchgangslands dar, in dem sich reger Austausch zwischen den Menschen entwickelt hat. Es soll in kleines Europa im Herzen Europas sein, dass den Nationalismus tragischerweise wiederentdeckt hat und seine Zukunft von einer neuen Seite beleuchtet. Ich möchte die vielschichtige Krise, in der wir uns befinden, zum Anlass nehmen, um diesen facettenreichen Künstler besser kennenzulernen. Ein Gespräch über die Zukunft der Kunstwelt und warum die Krise alles, aber ganz besonders unser Bewusstsein füreinander verändern wird.

TT: Hannes, wie ist die aktuelle Situation in der südtiroler Kunstwelt?

An meiner konkreten Arbeit, also dem praxisbezogene Kunstschaffen, ändert sich gar nicht mal so viel. Kunst nimmt meistens im Atelier seinen Anfang, wo es immer reichlich zu tun gibt. Die aktuelle Auftragslage ist natürlich eine komplett andere Geschichte. Wenn sich die Geschichte drei, vier Wochen hinzieht, ist das zwar problematisch, aber machbar. Hält sich dieser Stillstand länger, dann droht die Katastrophe. Schließlich befindet sich der Kunstbereich von Natur aus in einer prekären Situation, die sich durch die Krise nur noch mehr verstärkt. Es ist aber nicht alles schlecht. Ich nutze die freie Zeit, um mir Gedanken über neue Projekte zu machen, umzudenken und neue Erfahrungen zu sammeln. Schließlich ist die Covid-19-Krise ein kollektives, globales Ereignis, dass es in dieser Form noch nie in der Geschichte gab. Es bietet uns allen einen Moment der Reflexion – eine etwas ruhigere Zeit zum Nachdenken quasi.

Ändert sich durch die Ausgangssperre wie an Kunst herangegangen wird?

Ich beobachte, wie viele Künstlerinnen und Künstler die Zeit genießen und ihr Leben und ihre Arbeit anpassen. Im Web passiert beispielsweise sehr viel momentan. Viele Künstler versuchen sich an neuen Formen, wie sie ihre Arbeit umsetzen können.

Wie verändert sich die Kunstwelt durch das Internet?

Das ist die Frage. Die Kunstwelt ist heute weltweit vernetzt und digitalisiert. Ich glaube aber nicht, dass sich Kunstwerke auf Dauer im Internet halten wird, auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt. Der dreidimensionale, plastische Bereich wird immer noch das Hauptaugenmerk in der Kunst bleiben. Wir Menschen haben schließlich immer gerne Materie um uns herum, die wir betrachten und anfassen können. Software ist da nicht mehr als ein Gadget, aber kein dauerhaftes, weil es verfällt und schnell altert. Was natürlich nicht bedeuten soll, dass es nicht auch kunstvoll sein kann, oder einen kulturellen Wert hat.

Welchen Impact wird Corona auf die Gesellschaft haben?

Gesellschaftlich und kulturhistorisch wird es, wenn die Krise länger andauert, ein vor und ein nach Corona geben, weil sich gesellschaftliche Haltungen und Herangehensweisen ändern werden. In den nächsten Monaten werden wir uns auch auf unsere innereuropäischen Grenzen zurückbesinnen müssen, da das Reisen in andere Länder sehr viel schwieriger wird. Dabei ist das Durcheinanderbringen des Status Quo auch immer eine Chance ist, das sich etwas zum Guten verändern wird.

Kann die Kunst diesen Vorgang unterstützen?

Die Aufgabe der Kunst ist es immer auch gesellschaftliche Ereignisse zu reflektieren und damit umzugehen. Die Corona-Epidemie ist nicht zuletzt auch eine gesellschaftliche Krise, weshalb man vermuten kann, dass viele Künstlerinnen und Künstler die Krise in ihren Werken aufarbeiten werden. Was den kommerziellen Aspekt anbelangt, müssen wir jetzt erst einmal schauen, wie sich der Kunstmarkt entwickelt. Momentan steht natürlich alles in der Schwebe wobei ich schon vermute, dass es wieder zu einem Galeriensterben kommen wird, wie es zuletzt bei der Wirtschaftskrise 2008 der Fall war. Es ist auch gut möglich, dass sich der Kunstmarkt noch mehr auf wenige Verkaufsplätze und Player konzentrieren wird. Ganz genau so, wie es auch in der restlichen Wirtschaft der Fall sein wird. Die großen, kapitalintensiven Galerien werden die Sache überstehen und die kleinen brechen weg.

Wen trifft die Krise in der Kunstwelt am meisten?

Vermutlich all jene, die gerade aus den Akademien herauskommen. Für diese jungen Künstlerinnen und Künstler wird es schwer werden. Wenn sich die Krise über einen absehbaren Zeitraum ereignet werden sich tolle Dinge ergeben, wenn sich aber alles länger hinzieht, wird die Welt für diese Künstler keine leichte sein. Es kann sein, dass wir einige Jahrgänge komplett verlieren.

Wie glaubst du, wird die Krise das Image Südtirols verändern?

Darüber habe ich erst heute mit Freunden gesprochen. Die aktuelle Situation wird irgendwann vorüber sein und wir können wieder im Normalbetrieb weitermachen. Ich glaube auch, dass Südtirol als Gewinner hervorgehen wird. Alleine schon aufgrund der geografischen Nähe zu den größeren deutschen und italienischen Ballungsräumen, werden wir auch weiterhin viele Urlauber anziehen. Und dann ist da natürlich auch Südtirols Natur die ein umwerfenden und einzigartigen Verkaufspunkt darstellt. Natürlich, wenn die Krise länger dauert, dann wird es für den Tourismus in Südtirol schwierig werden. Ich vermute, dass sich der europäische Tourismus auf Wunschdestinationen in der Nähe verlagern wird. Auch deshalb, weil die Themen Nachhaltigkeit und Regionalität wichtige Faktor werden.

Regionalismus wird also wieder an Stärke gewinnen?

Ja, davon gehe ich aus. Ob es dann wirklich so ist, wird sich zeigen. Im Sinne der oberflächlichen Wirtshausparole aber auf jeden Fall, ja!

Was meinst du damit?

Naja, die beiden Begriffe werden gerne inflationär behandelt. Da kauft jemand eine Schale Erdbeeren vom Nachbarsbauern und besänftigt damit sein soziales Gewissen. Keine zwanzig Minuten später steht er dann aber bei H&M im Geschäft und kauft sich ein T-Shirt für 5 Euro aus Übersee. Der Konsument trägt auch eine gewisse Verantwortung, dass sich das Umdenken in der breiten Gesellschaft manifestieren kann.

Stichwort Veränderungen: Glaubst du, dass es in der Popkultur zu einem Zuwachs neuer Subkulturen kommen wird?

Ja, davon bin ich überzeugt. Die Covid-19-Krise ist ein kollektives Erlebnis, dass eine ganze Generation miterlebt und prägen wird. So eine Kulturveränderung gab es seit dem Aufkommen des Internets nicht mehr. Kleine Kulturgruppen, die sich weltweit vernetzen konnten, haben dazu geführt, dass es weniger lokalen Subkulturen mehr gab. In den Achtzigern ist man mit seinen Freunden vor Ort einen Film schauen gegangen und hat im Anschluss dann über seine Erfahrungen gesprochen und hat das dann im besten Fall mit Büchern, Actionfiguren und Postern weitergesponnen. Heute tauscht man sich mit Gleichgesinnten in aller Welt und nicht unbedingt aus derselben Straße aus, daraus entstehen globale Subkulturen. Das Covid-19-Erlebnis durchzieht nicht nur alle Länder, sondern auch alle Gesellschaftsschichten. Das ist schon besonders. Dadurch wird es auch neue Bezugspunkte zwischen den sozialen Schichten geben und vielleicht ist das auch eine Chance, dass die Ungleichheit etwas sinkt.

Und das Bewusstsein füreinander steigt?

Das weiß ich nicht. Ich glaube, dass viele Leute, die keine gesundheitlichen oder finanziellen Probleme haben, diese Zeit momentan genießen. Auch der Umstand, dass die Krise alle trifft, ist förderlich für ein Gesamtbewusstsein, weil sie alle gleichstellt. Sollte es aber dazu kommen, dass bereits Privilegierte weitere Vorteile – vielleicht sogar auf Kosten der Allgemeinheit – erhalten, wird es zu einer weiteren gesellschaftlichen Verschiebung kommen und dadurch wird die Ungleichheit und die Unzufriedenheit vieler wieder steigen. Wir haben aus der letzten Wirtschaftskrise nicht viel gelernt und ich bezweifle, dass das jetzt anders sein wird. Man merkt in solchen Zeiten, wie fragil unsere Gesellschaft eigentlich ist. Ein paar Tage herrscht Krise und wir befinden uns schon im totalen Ausnahmezustand und die Wirtschaft liegt am Boden.

Welche Hoffnung ziehst du aus dieser Krise?

Ich hoffe, dass sich die Welt und die Gesellschaft verändern wird und ich hoffe auch dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinander geht. Menschen, die viel Kapital zur Verfügung haben und trotzdem an den gesellschaftlichen Problematiken vorbei navigieren, sollten meiner Meinung nach in die Verantwortung genommen werden. Das wäre ein großer Schritt in Richtung Gerechtigkeit. Schließlich ist das ein globales Problem, dass wir alle Lösen müssen.

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