Erschienen in der Südtiroler Wirtschaftszeitung

KI-Wunde statt Wunder

500 Milliarden Dollar für das US-amerikanische „Stargate“ Datencenter, 200 Milliarden Euro für die AI-Continent Initiative der EU, Goldman Sachs spricht von einem weltweiten BIP-Wachstum um 7% in der nächsten Dekade. Ist das die Zukunft oder doch eher Größenwahn?

Immer wieder liest man, wie gierig die Rechenzentren moderner KI-Modelle Strom fressen. Der fließt fast vollständig in Wärme und will teuer gekühlt werden. Heiße Luft kommt aber nicht nur aus den Serverracks, sondern auch von der Branche selbst.

Auf dem Blog „AI-2027“ beispielsweise malen OpenAI-nahe Autoren zwei Bilder der Zukunft: Entweder stürzt der Mensch ins Bodenlose und wird zum Schoßhund der KI oder er landet im Paradies, in dem Krebs besiegt und Altern ein Konzept der Vergangenheit ist — in den nächsten zehn Jahren wohlgemerkt.

Der Zahlungsanbieter und Startup-Unicorn Klarna entlässt aus AI-Treue große Teile seiner Belegschaft, Shopify schreibt keine neuen Rollen aus, die nicht nachweisbar von AI besetzt werden können. Ein Goldrausch, der der Dotcom-Blase ähnelt. Damals wie heute trieb der Glaube an eine Technologie die Investoren in Ekstase. Ende der 1990er hieß sie Internet. Heute heißt sie KI. Die aktuelle Entwicklung lässt sich durch das Kindleberger-Minsky-Modell wie eine Backform auf die heutige Entwicklung legen.

Phase 1: Kapitalverschiebung.

Der Durchbruch großer Sprachmodelle wie GPT-4 und der Leistungssprung spezialisierter Hardware wie Nvidias Grafikprozessoren haben gewaltige Kapitalströme in den KI-Sektor gelenkt. Unternehmen und Investoren wittern eine neue Produktivitätsrevolution und die Chance, ganze Märkte umzukrempeln oder neue zu schaffen. Technologische Innovation, mediale Euphorie und politisches Interesse verbinden sich zu einem externen Schock und liefern den Nährboden für spekulative Erwartungen, die die Blasenbildung antreiben könnten.

Phase 2 und 3: Boom und Euphoria

Der S&P 500 ist nach Ansicht vieler Analysten vor allem wegen seines Tech-Anteils von über einem Drittel überhitzt. An der Spitze: Nvidia. Der GPU-Gigant profitiert von seiner Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Hardware, die große Sprachmodelle am Laufen halten sollen. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren einen Kursanstieg hingelegt, der die Rekorde der Dotcom-Ära, ja alle bisherigen, übertrifft. Trotz realer Nachfrage der Chipsätze warnen Experten vor einer spekulativen Übertreibung: Kühlt die KI-Investitionswelle ab, drohen harte Korrekturen.

Mit dem Erfolg von ChatGPT Ende 2022 begann die KI-Euphorie. Milliarden flossen in generative Anwendungen, Unternehmen überboten sich mit Ankündigungen, Tech-Aktien kannten nur den Weg nach oben. Microsoft, Google und Meta machten KI zum Kern ihrer Strategien. Und Nvidia, Garant der Rechenleistung, stieg in schwindelerregende Höhen: zeitweise über 4 Billionen Dollar Börsenwert – mehr als die größten Stars der Dotcom-Zeit je erreichten.

Phase 4: Erste Hinweise auf einen Umschwung

Bereits im Januar dieses Jahres zeichnete sich ein Stimmungsumschwung ab: DeepSeek, ein chinesisches KI-Startup, präsentierte ein kosteneffizientes Modell, das mit deutlich geringerer Rechenleistung nicht nur an die Leistung von Branchenprimus OpenAI herankommt, sondern sogar übersteigt. Ein heftiger Tech-Sell-off war die Folge. Nvidia etwa verlor an einem Tag rund 17–18 % seines Börsenwerts – der bisher größte Tagesverlust in der Geschichte des New Yorker Marktes. Auch Marktbeobachter wie Bridgewater AS prognostizierten kurzfristige Korrekturen bei Tech-Aktien, während DeepSeek zugleich Fragen zur Rechtfertigung der bisherigen Milliarden-Investitionen westlicher Unternehmen aufwarf. Ein Beweis mehr für das wacklige Fundament, auf dem die KI-Manie steht.

Auch das jüngst erschienene GPT-5, das neue Spitzenmodell von OpenAI, blieb hinter den allgemeinen Erwartungen zurück. Statt des erhofften Quantensprungs gab es moderate, wenn auch signifikante, Verbesserungen gegenüber GPT-4. OpenAI spricht zwar vom „wichtigen Schritt auf dem Weg zu AGI“, also einer KI, die den Menschen in allen Bereichen übertrifft, doch fachlich wirken die Fortschritte überschaubar. Bill Gates hatte bereits 2023 gewarnt, die technische Entwicklung scheine ein Plateau erreicht zu haben. Nun bestätigt sich diese Skepsis: Die Dynamik lässt nach, die Euphorie kühlt ab. Ernüchterung macht sich breit – nicht nur bei den Technikern.

Überraschend ist dieser Verlauf nicht. Der Hype-Zyklus des Marktforschers Gartner beschreibt ihn seit Jahren in fünf Akten: Auf den „technologischen Auslöser“ folgt ein steiler Aufstieg zum „Gipfel der überzogenen Erwartungen“. Dann der Absturz ins „Tal der Enttäuschungen“. Erst danach, gereift und realistischer bewertet, erreicht die Technik das „Plateau der Produktivität“. Die Dotcom-Ära liefert das Lehrstück: Zunächst belächelt, dann überschätzt – bis die Blase platzte. Am Ende blieb eine solide, nachhaltige Entwicklung auf höherem Niveau.

Morgan Stanley rechnet bis 2028 mit Investitionen von fast 2,9 Billionen Dollar in KI-Rechenzentren – Jahr für Jahr fast so viel, wie alle S&P-500-Unternehmen zusammen investieren. Eine Dimension, die selbst die Übertreibungen der Dotcom-Zeit klein erscheinen lässt. Damals trieben Gier und Fear of Missing Out zahllose Firmen ohne tragfähiges Geschäftsmodell an die Börse. Der NASDAQ verlor nach dem Hoch im März 2000 binnen eines Jahres 65 Prozent und brauchte 14 Jahre zur Erholung. Heute wiederholen sich die Muster: KI-Bewertungen lösen sich von Fundamentaldaten. Palantir wurde zeitweise zum über 600-Fachen des Jahresgewinns gehandelt. Und Startups mit Milliardenbewertung sprießen wie Pilze, ganz wie damals Anfang der 00er-Jahre.

Pragmatismus statt Manie

Tatsächlich gleichen die jüngsten Entwicklungen immer mehr einer Spekulationswelle: Die gewaltigen Kapitlzuflüsse überdecken vorerst die wirtschaftliche Realität – so sehr, dass Analysten darin einen privaten Konjunkturimpuls sehen. Doch die Schere zwischen investiertem Geld und realer Wertschöpfung klafft immer weiter auseinander. Die meisten KI-Angebote erzielen nicht annähernd die Erlöse, die ihre Bewertungen rechtfertigen. Selbst Branchenführer OpenAI steigert zwar rasant den Umsatz, häuft aber wachsende Verluste an: Für 2025 werden fünf Milliarden Dollar Minus erwartet – bei einem Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar. Jeder Dollar Umsatz kostet derzeit zwei Dollar in der Herstellung der rechenintensiven Modelle. Diese verschlingen enorme Mengen an Energie und Hardware, was Profitabilität in weite Ferne rückt. Goldman Sachs schätzt, dass die großen Tech-Konzerne in den nächsten fünf Jahren über eine Billion Dollar in KI-Chips und Rechenzentren stecken werden. Bleibt der Durchbruch aus, droht das klassische Ende jeder Blase – ein lauter Knall.

Einige Ökonomen warnen bereits, dass eine geplatzte KI-Blase nicht nur Silicon Valley erschüttern könnte, sondern durch die Verzahnung der Tech-Giganten mit den Finanzmärkten zu einer breiteren Wirtschaftskrise führen könnte. Ein mögliches Platzen der Blase bedeutet jedoch nicht das Ende der KI. Ein gesundes Maß an Ernüchterung kann der Branche guttun. Wenn überzogene Erwartungen korrigiert sind, entsteht Raum für echte Fortschritte.

Klarna sucht inzwischen übrigens wieder nach menschlichen Angestellten für seinen Kundendienst. Die Qualitätseinbußen durch die Künstliche Intelligenz waren doch zu groß.

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