#5 Andreas Mair

Präsident Wirtschaftsverband Südtirol

#5 Andreas Mair

Andreas Mair ist in diesen Tagen eine der vielbeschäftigsten Personen des Landes. In seiner Funktion als Geschäftsführer des Südtiroler Wirtschaftsrings arbeitet er zusammen mit den verschiedenen Wirtschaftsvertretern und der Politik Pakete aus, die die zu erwartende Wirtschaftskrise aufgrund des Lockdowns auf ein Minimum abfedern sollen. Gleichzeitig plant man den „Restart“. Das Land muss das Hilfspaket jetzt schnellstmöglich umsetzen. Die Südtiroler brauchen diese Hilfe dringend, denn manchen steht das Wasser schon bis zum Hals, betont er. Bevor Andreas Geschäftsführer des Wirtschaftsrings wurde, war er als Landessekretär der Südtiroler Bauernjugend tätig. Die Südtiroler Bauernjugend zählt mit mehr als 9000 Mitgliedern zur größten Jugendorganisation des Landes.

Andreas, danke dass du dir Zeit für das Gespräch genommen hast. Ich kann mir vorstellen, dass die Zeit aktuell sehr stressig für dich ist.

[lacht] Ja, es ist schon einiges zu tun. Mein Tag fängt um 5 Uhr früh an wo ich die Zeitungen und die Onlinemedien durchgehe, nachher beginne ich mit den vielen Videositzungen, die wir momentan haben, der Ausarbeitung von Stellungnahmen an die Politik usw. Den Akku vom Handy muss ich schon öfters laden, es klingelt fast pausenlos. Irgendwann am Abend komme ich dann aus der Arbeit raus. Das neue Home-Office-Konzept hält einen schon auf Trab.

Was ist deine Aufgabe momentan?

Ich arbeite als Geschäftsführer des Südtiroler Wirtschaftsrings mit unseren Wirtschaftsverbänden zusammen an Maßnahmenpaketen, die unsere heimischen Unternehmen jetzt so dringend brauchen. Wir arbeiten gerade daran den sprichwörtlichen Restart Südtirol hinzubekommen.

„Restart“ ist das das Stichwort der Stunde?

Genau. Das Ziel und der Plan ist es, als erstes sicheres Arbeiten für alle Betriebe zu ermöglichen, damit die Unternehmen wieder hochgefahren werden können. Wir bemerken, dass auch Arbeitnehmer darauf brennen, wieder arbeiten gehen zu können. Man spürt das regelrecht. Da muss jetzt einfach etwas passieren! Der Staat muss da einlenken und wir müssen vorbereitet sein.

Momentan gibt es zwei Lager in der Gesellschaft: Die einen sagen, dass die Maßnahmen zwingend notwendig sind, um die Menschen vor dem Virus zu schützen. Die anderen kritisieren, dass die wirtschaftlichen Einbußen in keinem Verhältnis stehen. Wie siehst du das?

Meiner persönlichen Einschätzung nach, kann man beides nicht als trennende Elemente sehen. Wir müssen beide unter einen Hut bekommen, damit sich die Schäden in Grenzen halten. Die Leute müssen verstehen, dass die Maßnahmen nicht einfach so über Nacht total gelockert werden können. Die Politik ist gezwungenermaßen gerade dabei einen Drahtseilakt zu vollziehen. Ich möchte es noch einmal betonen: An den aktuellen Maßnahmen führt kein Weg vorbei. An Lockerungen zugunsten der Wirtschaft aber auch nicht. Der Schaden für die Wirtschaft ist schon enorm, jetzt geht es nur mehr ihn so gering als möglich zu halten und gleichzeitig den ersehnten Neustart endlich anzugehen.

Wie wird sich die nächste Zeit in der Wirtschaft entwickeln? Wird alles relativ schnell gehen, oder denkst du, dass wir uns eher langsam an unsere neue Normalität gewöhnen müssen?

Man wird mit einigen Arbeitsbereichen beginnen müssen und sich dann nach oben arbeiten, um alles nach und nach wieder hochzufahren. Es wird sich aber definitiv viel ändern bis dahin.

Inwiefern?

Arbeitsmodelle werden sich beispielsweise drastisch ändern. Wir werden beobachten, dass sich mehr und mehr in den digitalen Raum verlegen wird. Ich kann diese Entwicklung auch in meinem Umfeld beobachten, wir arbeiten zurzeit nur mehr digital. Alle Sitzungen und Meetings wurden auf Videokonferenzen verlegt. Ich finde diese spontane Flexibilität aber spannend. Zukünftig will ich sie deshalb beibehalten und auch nutzen. Es ist schon alleine aus ökologischer Hinsicht völlig hirnrissig, für eine einstündige Sitzung hunderte Kilometer zu fahren, obwohl es der digitale Weg auch tun würde. Interessant ist auch, was sich gerade im Lebensmittelsektor tut. Viele Betriebe stellen ihr Marktmodell um und beliefern ihre Kunden direkt. Das freut uns natürlich besonders, da so eine völlig neue Bindung zum Produkt und zum Produzenten hergestellt werden kann. Darauf zielt auch das Programm „Restart Südtirol“ ab. Lokale Kreisläufe müssen angekurbelt werden und den Leuten muss gezeigt werden, was wir hier anbieten.

„Restart Südtirol“ ist der offizielle Name des Konjunkturprogramms, richtig?

Ja, das ist richtig. Die IDM ist mit dem Programm vor Kurzem gestartet und hat es sich zum Ziel gesetzt Südtirol für die Wirtschaft und für den Tourismus wieder attraktiver zu machen.

Dabei ist es für mich persönlich auch wichtig, dass alle Wirtschaftssektoren miteinbezogen werden. Bei solchen Dingen kommt einen immer zuerst der Lebensmittelsektor in den Kopf, was mich als „Bauernbua“ natürlich auch besonders freut. Auch weil wir in Südtirol ein einzigartiges Verhältnis zwischen Bevölkerung und Landwirtschaft haben, da quasi jede Südtirolerin und jeder Südtiroler mindestens einen Lebensmittelproduzent persönlich kennt. Das wird jetzt noch einen stärkeren Wert bekommen. Gleichzeitig möchten wir natürlich auch alle anderen Unternehmen zeigen, die man vorher nicht unbedingt auf dem Schirm hatte, die aber sehr wohl Qualitätsprodukte herstellen. Egal, ob das dann ein Tischler, ein Schneider oder ein Schmied ist.

Wen glaubst du, wird die anrollende Krise wirtschaftlich am härtesten treffen?

Es wird alle sehr hart treffen. Geht es einem Sektor schlecht, leiden alle Wirtschaftsbereiche. Genauso wie auch die Kultur- und Unterhaltungsbranche. Die dürfen wir auch nicht vergessen.

Wie glaubst du, wird sich die Wirtschaft in Südtirol längerfristig entwickeln? Es herrscht schon ein starkes Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Tourismus und der restlichen Wirtschaft.

Ja, die Wirtschaftssektoren hängen untereinander zusammen – völlig klar. Wenn wir den Restart jetzt machen, müssen wir alle mitnehmen und auf dem Markt gemeinsam neu auftreten. Es gilt die Südtiroler Vielfalt neu zu präsentieren und die Sehnsucht für dieses einzigartige Land neu zu wecken. Da kann ich nicht einfach weniger offensichtliche Sektoren ausblenden. Jeder Sektor hat seine Besonderheit und die wollen wir hervorheben.

Muss sich der Tourismus neu erfinden?

Tatsächlich ist der Tourismus insgesamt schon den Weg gegangen, mehr auf Nachhaltigkeit und Qualität zu setzen. Natürlich haben einige Betriebe auch übers Ziel hinausgeschossen, da gibt es Nichts schönzureden. Aber das soll jeder selbst beurteilen. Ich bin überzeugt: Jeder hat jetzt die Chance, mit dem Lockdown, auch Dinge zu überdenken und neu auszurichten.

Glaubst du, dass der Imageschaden, den Südtirol erfahren hat, sich auf langer Sicht legen wird?

Das kommt darauf an, wie sich die Situation in den anderen Ländern entwickelt. Ich glaube aber nicht, dass wir uns auf einen langfristigen Imageschaden einstellen müssen, wenn wir jetzt wieder aufstehen und anpacken. Wir werden zwar sehr wohl mit Einbußen rechnen müssen, insbesondere wenn der Reiseverkehr weiter eingeschränkt bleibt, aber das werden wir auch noch schaffen. Vielleicht wird das auch eine Chance wieder vermehrt die einheimischen Märkte anzusprechen.

Inwiefern?

Die Krise zwingt uns, dass wir uns neu mit unserem Land auseinandersetzen müssen. Wir müssen uns und unsere Mitmenschen besser verstehen und kennenlernen. Und wir sollten uns die Frage stellen, wer die Leute sind, die wir mit der Marke Südtirol ansprechen wollen. Wer passt in diese Zielgruppe? Wie können wir Menschen erreichen, die unsere Heimat nicht als Vergnügungspark nutzen wollen?

Welche Rolle werden Werbeagenturen in nächster Zeit einnehmen?

Eine sehr spannende! Es liegt an ihnen herauszufiltern, was Südtirol im Innersten ausmacht. Die Werbeagenturen müssen die Sehnsucht in den Leuten neu wecken. In diesen stürmischen Zeiten müssen wir neue Wege in der Kommunikation gehen um die besonderen Eigenschaften unseres wunderschönen Landes, unserer einzigartigen Kultur und natürlich auch unserer Menschen zu transportieren. Innovation ist das Gebot der Stunde.

Ich arbeite als Werbetreibender mit vielen jungen Startups zusammen, die gerade erst ihr Unternehmen angemeldet haben, oder eben gerade dabei waren. Viele sind wegen der Krise verunsichert und wissen nicht, ob sie den Schritt in die Selbstständigkeit noch wagen sollen. Was würdest du ihnen raten?

Ich würde ihnen sagen, dass im Unternehmertum immer ein Risiko herrscht. Natürlich ist das Risiko durch die Krise momentan nicht weniger geworden, insbesondere für Startups, aber man muss sich doch bewusst sein, dass man sein unternehmerisches Ziel niemals erreichen kann, wenn man dabei nicht auch etwas riskiert. Ich würde raten, dass man sich eine gewisse Sicherheit schafft und dann mit dem Wirtschaften beginnt. Dabei ist es wichtig, dass man mit neuen, innovativen Ideen an den Markt auftritt, ohne dabei Angst zu haben sie umzusetzen. Man kann aber klein anfangen und das Ganze dann richtig pushen.

Vor der Krise herrschte in Südtirol Vollbeschäftigung. Wir können mittlerweile relativ sicher sein, dass sich das ändern wird. Was ist geplant, die kommende Welle der Arbeitslosigkeit abzufedern?

Eine Mindestabsicherung gibt die Lohnausgleichskasse. Der Staat hat Geld dafür bereitgestellt, das Land gibt bei Bedarf weitere finanzielle Mittel dazu. Natürlich wird dies nicht das sein, was man früher verdient hat, aber es ist wenigstens eine Grundsicherung. Weitere Maßnahmen sind auch geplant, die das Land getroffen hat: Günstige Kredite über die Banken für die Liquiditätssicherung, Verlustbeiträge für Härtefälle und dann für die nächste Zeit auch ein Paket zur Ankurbelung des Wirtschaftskreislaufs. Daneben gibt es Zahlungsaufschübe und Stundungen. Wir müssen uns aber im Klaren sein, dass wir nicht alles mit Geld abfedern können. Es kommt auch auf die Leistung von uns Südtirolerinnen und Südtirolern an.

Du sagst also, dass die Tatkraft der Südtiroler das wichtigste Fördermittel ist, das wir haben?

Absolut ja. Es gibt extrem viele fleißige Menschen hier in Südtirol, die mit großer Begeisterung ihrer Arbeit und Leidenschaft nachgehen. Das finde ich beeindruckend und ich glaube, wenn wir diesen Status Quo beibehalten, werden wir die Sache überstehen. Das Schlimmste wäre jetzt, wenn wir jetzt den Kopf in den Sand stecken und uns nicht mehr weiterbewegen würden. Wir müssen die Krise überwinden, wieder aufstehen und dort weitermachen wo wir aufgehört haben. Eben genau diese Resilienz ist jetzt nötig, die die Südtirolerinnen und Südtiroler in den letzten Jahrhunderten ausgezeichnet hat.

Das Foto wurde von Daniel Mair (LIVE-STYLE) im Auftrag des Südtiroler Wirtschaftsrings geschossen und vom Südtiroler Wirtschaftsring zur Verfügung gestellt.

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