#6 Bertrand Risé

Bertrand Risé

#6 Bertrand Risé

Bertrand Risé hat in London Event Management studiert und ist seit gut zehn Jahren als Musiker aktiv. Seine Band Shanti Powa und sein Soloprojekt Berise gehören zu den erfolgreichsten Musik-Exporten Südtirols. Berise führt ihn mit hunderten Konzerten im Jahr durch ganz Europa und Großbritannien. Schon bereits vor seinem Abschluss hat Bertrand das legendäre Miracle Hill Festival organisiert. Jetzt sitzt Risé aufgrund der aktuellen Quarantäneverodnungen am Ritten fest. Der richtige Zeitpunkt also, um über den Stand der Musikszene mit einem der rastlosesten Musiker Südtirols zu sprechen.

TT: Wow, du hast dir deinen Bart rassiert! Steht dir gut.

[lacht]Danke, ich hab es einfach nicht mehr ausgehalten mit dem Ding. Jetzt wo es wieder wärmer wird, nervt der Bart nur mehr.

Wie bringst du die Quarantäne herum momentan?

Ich bin momentan sehr produktiv, da ich natürlich sehr viel daheim bin. Das ist etwas, wofür ich in den letzten Jahren nicht so viel Zeit hatte. Wir treten bei mehreren hundert Konzerten im Jahr auf. Da das gerade aber nicht geht, nutze ich die Zeit zum Songschreiben, was großartig funktioniert.

Du bist hauptberuflich Musiker, richtig?

Ja genau, mein Haupteinkommen stammt von meiner Musik.

Was machst du jetzt, da du keine Einnahmen mehr hast?

Ich habe um Unterstützung bei der Künstlerhilfe vom Land angefragt. Aber das ist halt auch eher schwierig. Ich habe vin solchen Dingen keine Ahnung, weil ich schlichtweg nie darauf angewiesen war. Mein Plan ist jetzt so viele Songs und Alben wie möglich zu veröffentlichen, um mehr Leute anzusprechen, damit ich, nachdem Corona vorbei ist, wieder voll durchstarten kann. Ich versuche so viel Aufmerksamkeit wie möglich in diesen Zeiten auf mich zu ziehen auch wenn das schwierig ist, da man bestimmte Dinge finanzieren muss.

Welche Aussichten bringen die nächsten Monate für dich und deine Bands?

Alle unsere Konzerte, also von Shanti Powa und Berise wurden bis Ende Juli abgesagt. Ich vermute leider auch, dass sich dieser Trend bis Ende 2020 halten wird und wir heuer kaum mehr Konzerte spielen. Auch wenn die Beschränkungen gelockert werden, glaube ich nicht, dass wir große Konzerte spielen können. Die Abstandsregeln bleiben mit Sicherheit erhalten. Ich habe dasselbe auch von Veranstaltern aus England, Deutschland oder Frankreich gehört, wo ich heuer auftreten sollte. Das ist eine sehr schwere Zeit gerade.

Sobald die Quarantäne vorbei ist, werde ich mir eine normale Arbeit suchen müssen, auch wenn ich die Veröffentlichung meiner Musik natürlich fortsetze. Man hat nicht oft die Chance so direkt so viele Leute zu erreichen. Normalerweise ist das Publikum auf Social Media eher dispers, in diesen Zeiten sind praktisch alle immer online. Ich hoffe einfach, dass meine Musik auf Resonanz stößt, damit ich 2021 auf doppelt so vielen Konzerten spielen kann.

Wie könnte man Musiker in diesen Zeiten unterstützen?

Es gibt das französische Modell, wo Musiker auf Basis ihrer Produktivität Unterstützung bekommen. Wenn, aus irgend einem Grund, keine Konzerte statt finden können, können Musiker um ein Monatsgehalt ansuchen. Den Franzosen geht es in dieser Hinsicht richtig gut. Es wäre sehr schön, wenn wir eine solche Unterstützung bekommen würden, das wünschen sich viele. Aber wirklich wichtig wäre es, wenn Leute unsere Musik kaufen würden. Es wäre natürlich auch super, wenn die lokalen Radiosender Musik von lokalen Künstlern spielen könnten. Wir haben schließlich so großartige Musiker im Land. Da kann auch ruhig mal was bringen. Müsste ich aber trotzdem entscheiden, glaube ich, wären Förderungen vom Land im Bereich der Mobilität was ich förderlich fände. Was wäre zum Beispiel eine Unterstützung für alljene Musiker, die sich dazu entscheiden würden mit dem Zug, statt dem Auto zu fahren. Eine Green-Mobility-Förderung quasi.

Wie können dich Menschen ganz persönlich und konkret unterstützen?

Sie können mich unterstützen, in dem sie meine Musik auf Bandcamp kaufen oder die Crowdfundingkampagne unterstüzten, die wir in kürze mit Shanti Powa starten werden. Durch die digitalen Kommunikationsmittel schaffen wir es, dass wir uns trotzdem noch finanzieren können. Seit Corona kaufen die Leute vermehrt meine Musik, weil wir in den sozialen Medien exponierter sind. Das Streaming bringt aber nichts, hat es auch früher nicht.

Es gibt viele Menschen in deiner Position. Was würdest du ihnen raten?

Produziert, produziert, produziert! Baut euer Songkontingent so weit wie möglich aus, damit ihr eure Arbeit nützen könnt, wenn diese Zeit zu Ende geht. Man darf sich einfach nicht auf die faule Haut legen. Der Neustart wird keine Einfacher werden, deshalb sollte man so viel wie möglich tun und ständig aktiv sein. Was auch hilft, ist mit seinen Fans zu interagieren und einen direkten Kontakt aufzubauen. Man sollte sich zusätzlich nicht einbilden im Herbst wieder spielen zu können, das wird nicht passieren. Zumidest auf keinen großen Konzerten.

Glaubst du, dass die Leute in Zukunft auch so auf Konzerte gehen werden, wie sie es früher getan haben?

Anfänglich wahrscheinlich nicht. Die aktuelle Situation geht vielen ins Blut über.

Kannst du das nachvollziehen?

Ja, auf jeden Fall. Mir geht es nicht anders. Ich habe viele Ups and Downs und schon fast eine chronische Depression. Der Hausarrest macht mir gerade mental zu schaffen, weil ich sonst so viel unterwegs war und auch viel auf der Bühne war. Ich bin ein sozialer Mensch und das kann man nicht einfach wie einen Lichtschalter umlegen. Die finanzielle Situation macht mir noch zusätzlich zu schaffen. Wir hatten eigentlich große Zukunftspläne mit Shanti Powa. Ich habe mit Berise und Shanti mehrere Touren organisiert und vorfinanziert und mit Shanti haben wir sogar einen Grammy nomminierten Produzenten organisieren können. Wir wissen nicht wie wir das jetzt bezahlen sollen.

Denkst du, dass die Ausgangssperre trotzdem gerechtfertigt ist?

Ja, definitiv. Das steht außer Frage. Man sieht ja das Ausmaß an Toten und Infizierten. Ich habe selbst einen Freund durch Covid-19 verloren. Die Pandemie ist traurige Realität aus diesem Grund akzeptiere ich das schon.

Hat sich dein Bild für das Leben dadurch verändert?

Ich weiß, das kleine mehr zu schätzen. Und ich habe jetzt immer einen Plan B in der Tasche. Ich glaube, es hilft auch, wenn man realisiert, dass wir nicht allmächtig sind, so wie wir es früher immer dachten. Wir müssen dankbar sein für die schönen Zeiten und uns ins Bewusstsein rufen, dass diese Zeiten ganz abrupt enden können. Ich versuche es den Menschen die mir nahe stehen, zu zeigen, wie wichtig sie für mich sind und was sie mir geben. Es ist mir wichtig Gemeinschaft aufzubauen, aber trotzdem auch mit sich selbst als Individuum zufrieden sein.

Wo glaubst du, geht es für uns gesellschaftlich hin?

Ich glaube, dass es für viele Menschen momentan klick macht im Kopf. Dass sie sich quasi als Gemeinschaft sehen. Viele Leute werden so kommunikativer, weil sie merken, dass sie Leute um sich herum brauchen. Aus diesem Grund greift man auch öfter zum Telefonhöhrer. Ich denke es hat sich ein neues Gemeinschaftsgefühl gebildet. Ich habe etwas Angst, dass die Ungleichheit in unserer Gesellschaft duch die Krise größer wird und dass sich die typischen Kandidaten wieder profilieren werden. Ich denke, dass viele Menschen relativ schnell in ihre Realität zurückkommen werden und dann realisieren, dass man eigentlich gar nicht so viel zum Leben braucht. Man muss nicht zwei Mal im Jahr nach Bali fliegen um ein gutes Leben zu haben. Bewusstes Leben ist das Gebot der Stunde.

Welche Rolle glaubst du, haben Musiker dabei dieses Bewusstsein zu fördern?

Musiker haben viele Rollen. Sie unterhalten, sie bringen zum nachdenken, weinen, tanzen, sie sind Zeugen von dem was da in der Welt passiert und wandeln diese Erlebnisse in Emotionen und Musik um. Der Zeitgeist wird durch Musiker an die Gesellschaft weitergegeben. Und genau jetzt, in dieser unwirklichen Zeit, sind wir auch Unterhaltung für das Volk, das durch Sozialen Medien unsere Live Streams und die vielen neuen Songs, die wir schreiben anhören kann. Ohne Musik würde der heutigen Gesellschaft ein Stückchen Seele fehlen, glaube ich.

In welche Richtung wird es für dich persönlich nach der Quarantäne gehen?

Ich werde natürlich Musik machen! Die Musik ist mein Leben und wie es auch laufen wird, ich werde weiterhin Musik schreiben, denn es macht schlichtweg mich glücklich. Logisch werde ich auch einen Nebenjob finden müssen um mich zuerhalten. Aber Musik bleibt immer an erster Stelle!

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