#3 Jasmin Ladurner

#3 Jasmin Ladurner

Jasmin Ladurner ist die jüngste Abgeordnete in der Geschichte des südtiroler Landtages. Als eine der wenigen Frauen in der südtiroler Politik hat sie sich, mit einem Master of Economics in der Tasche der Innovation und der Digitalisierung in Südtirol verschrieben. Wir treffen uns über Facebook Messenger zu einem Gespräch über Digitalisierung und Innovation, den steigenden Ressentiments gegenüber der EU und der neu gefundenen Wertschätzung für die heimische Wirtschaft.

TT: Du hast dich im Landtag der Digitalisierung und Innovation verschrieben: Welche Wichtigkeit hat die Digitalisierung in diesen Tagen?

Eine massive! In der Arbeitswelt findet momentan ein großes, leider auch gezwungenes, Umdenken statt. Es bilden sich neue Arbeitsformen heraus, was wir zuletzt im Ausbau des Homeoffices beobachten konnten. Ich hoffe sehr, dass diese Entwicklungen einer der positiven Aspekte der aktuellen Krisen sind. Die Wirtschaft sieht momentan, dass es sehr wichtig ist, digitale Infrastrukturen aufzubauen, um ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die nötigen Rahmenbedingungen zu bieten – und das nicht nur in Krisenzeiten. Zudem sehen wir wie wichtig digitale Kompetenzen sind, um im Homeoffice und im Home-Schooling weiter arbeiten zu können.

Südtirol ist nicht unbedingt für seine landesweite digitale Infrastruktur bekannt. Wo glaubst du, hakt es noch?

Ich glaube, dass die hinkende Digitalisierung in den Betrieben im Kern auch ein Generationen-Thema ist, das nicht zuletzt auch die Arbeitnehmer vor den „Baby Boomer“-Jahrgängen trifft. Nicht alle können mit den Geräten umgehen und selbst einrichten, die für die Heimarbeit nötig sind. Es braucht einige Zeit bis man sich als nicht Digital Native in die Materie eingearbeitet hat, deswegen sind noch viele Vorbehalte da. In vielen Unternehmen erübrigt sich gerade die Frage, ob es wirklich notwendig ist die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Firma für ein Meeting zu rufen oder ob es nicht ausreicht, sie über Videokonferenzen zu kontaktieren. Die vermehrte Nutzung dieser Möglichkeiten sollte nach Ende der Krise zum “New Normal” werden.

Kann man von einer erzwungen Chance in der Krise sprechen?

Sicher, die negativen Auswirkungen dieser Krise überwiegen die Chancen bei weitem. Aber ja, ich hoffe, dass wir Lehren aus dieser Krise ziehen und Chancen erkennen und nutzen. Beispielsweise, dass wir als Gesellschaft ein Stück weiter zusammenrücken. Momentan bin ich noch nicht ganz sicher, ob das auch gelingt. Die aktuelle Situation ist sehr ambivalent, was das angeht. Auch wenn sich die meisten Südtirolerinnen und Südtiroler an die Ausgangsbeschränkungen halten, gibt es immer noch Härtefälle, die sich nicht kümmern, was mit ihnen, oder noch viel schlimmer, mit ihrem Nächsten passiert. So war es auch letztens bei mir hier in Hafling. Da stand doch glatt jemand in voller Montur am Parkplatz, der sich zum Skitourengehen bereit gemacht hat! Kann man das glauben? Hätte sich dieser Herr ernsthaft verletzt, hätte er nicht nur sich selbst, sondern auch eine ganze Menge Menschen in der Rettungskette gefährdet, sowie wertvolle Krankenhauskapazitäten beansprucht. Trotz weniger schwarzer Schafe bin ich aber zuversichtlich, dass uns die Krise als Gesellschaft zusammenschweißt.

Inwiefern?

Nun, zum einen sehen wir jetzt schon, dass die Südtirolerinnen und Südtiroler ein neues Bewusstsein für die Arbeit und für die zentrale Rolle regionaler, landwirtschaftlicher Erzeugnisse und für den heimischen Tourismus bekommen. Vor der Krise war vielfach von Overtourism und Monokulturen die Rede. Jetzt sehen wir, wie wichtig ein gesunder Tourismus als Wirtschaftsmotor und die Landwirtschaft als Lebensmittelproduzent für jeden einzelnen von uns sind – direkt oder indirekt.

Glaubst du, das ist in der Landwirtschaft auch so?

Ja, dieser Meinung bin ich schon. Der Wert der regionalen Landwirtschaft wird den Leuten gerade jetzt wieder bewusst. Die meisten dürfen ihre Gemeinde nicht mehr verlassen, was auch dazu führt, dass das Dorfgeschäft wieder häufiger besucht wird. Ich hoffe, dass den Leuten insgesamt wieder bewusster wird, wie wichtig diese Regionalität und Nahversorgung ist. Natürlich hoffe ich auch, dass das kein Wunschdenken ist [lacht].

Wie glaubst du, wird sich das Bild des Tourismus hier in Südtirol verändern?

Die Wahrnehmung der Leute gegenüber dem Tourismus wird sich insgesamt verändern. Die Bilder von verstopften Straßen und übervollen Wanderwegen wird dem Bewusstsein der Notwendigkeit eines gesunden Tourismus weichen. Schließlich herrscht ein absolutes Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Tourismus und quasi allen Sparten der Wirtschaft in Südtirol. Auch wenn ich sagen muss, dass ich wirklich hoffe, dass große Betriebe anfangen ihr Wirtschaftsmodell der Bettenburgen zu überdenken. Mehr ist einfach nicht immer mehr. Wir müssen im Tourismus einfach mehr auf Qualität und weniger auf Quantität setzen.

Qualitätstourismus ist schon ein Kampfbegriff, was bedeutet er für dich?

Tourismus kann nicht immer nur mehr sein. Insbesondere dann, wenn wir uns bewusst machen, dass Familienbetriebe das Fundament sind, auf dem der Tourismus in Südtirol aufbaut. Das Persönliche und die individuelle Betreuung der Gäste muss einfach mehr im Vordergrund stehen. Ein Kleinbetrieb hat schon von Natur aus eine viel direktere und authentischere Beziehung zu seinen Gästen. Hinzu kommt, dass wir uns des unersetzlichen Werts unserer wunderbaren Natur bewusst sein müssen. Diese dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.

Glaubst du, dass deshalb neue Kommunikationskanäle für Tourismusbetriebe jetzt noch interessanter werden?

Meine Familie führt selbst eine kleine Pension und wir setzen zum Beispiel auf direkte Kommunikation und persönliche Newsletter, was auch sehr gut funktioniert. Man muss für solche Dinge aber eine gewisse Affinität besitzen, weil sich Kleinbetriebe möglicherweise schwertun könnten, die Kosten für das entsprechende Marketing aufzubringen. Das Wissen um solche Dinge müssen sich die Betriebsinhaber größtenteils selbst aneignen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Familienbetriebe können vielfach keine große Marketingagentur engagieren, die dann das Marketing übernimmt. Das müssen sie natürlich auch nicht. Für Kleinbetriebe ist transparente Kommunikation außerordentlich wichtig. Die direkte, authentische Interaktion mit dem Gast ist in diesen Zeiten elementar wichtig und gleichzeitig die größte Stärke der Familienbetriebe. Social Media schafft hier selbstverständlich am schnellsten Abhilfe, wodurch sich hier eine echte Chance auftut. Das Szenario, das BILD vor einigen Wochen von Südtirol als Coronaverseuchtes Alpenhinterland gezeichnet hat, ist nicht nur komplett falsch, sondern genau das Gegenteil ist der Fall.

Wie meinst du das?

Wir besitzen inzwischen einen gewissen Vorbildcharakter, was die Corona-Maßnahmen angeht. Die Landesregierung und der italienische Staat haben durch das Ziehen der Handbremse vorbildhaft reagiert, wodurch andere Länder den Blick nach Südtirol richten.

Wie kann der Staat und das Land dafür sorgen, dass der Wirtschaft auch abseits von Förderungen unter die Arme gegriffen wird?

Das ist eine gute Frage. Momentan sind Kurzarbeit, sehr günstige Kredite, Kapitalbeiträge, Darlehens-Stundungen und Steueraufschübe die Hauptwerkzeuge, die dem Staat und dem Land ermöglichen, den Unternehmen unter die Arme zu greifen. Wenn wir von Unterstützung der Wirtschaft sprechen, sprechen wir natürlich immer im direkten Zusammenhang auch von Arbeitsplatzsicherungen für Arbeitnehmer. Die Belastung für Betriebe ist da und kann so kurzfristig gedämpft werden. Genauso wichtig ist es, dass wir im Tourismus mit einem starken Marketing gewissermaßen einen Neustart hinlegen. Unterstützung benötigen auch die Landwirte in der Personalsuche für die diesjährige Saison. Hier sehe ich große Chancen in der gegenseitigen Wechselwirkung zwischen Tourismus und Landwirtschaft – nicht nur in der Krise, sondern darüber hinaus. Auf langer Sicht sehe ich aber vor allen Dingen einen drastischen Bürokratieabbau und Steuererleichterungen als einzig effiziente Maßnahmen. Wobei diese Themen auch schon vor der Krise akut waren.

Lass uns auf die EU-Politik umschwenken: Die Corona-Krise lässt auch die Kritik an der Europäischen Union wieder aufkeimen. Innerhalb der Bevölkerung steigen die Ressentiments gegen die Europäische Union und die europäischen Nationalstaaten machen auch keinen Hehl daraus, dass sie ihr eigenes Krisenmanagement unabhängig von ihren Nachbarstaaten betreiben. Steckt der europäische Geist in der Krise?

Es stimmt, dass in diesen Krisenzeiten jeder seine eigene Suppe gekocht hat. Ich kann die Gefühle der Bürger also definitiv nachvollziehen. Ein aktuelles Beispiel ist die Südtirol-Tirol-Schere was die Maßnahmen anbelangen. Während wir hier bereits alle Skigebiete geschlossen hatten, lief der Skibetrieb in Nordtirol normal weiter. Man hatte Angst, dass die Wirtschaft einen zu großen Schaden nehmen würde. Trotzdem stimmt: In der Corona-Krise habe ich die rasche Reaktion der EU vermisst. Die Kooperation hier war und ist nicht ausreichend, wahr ist aber auch: Gesundheit ist ein Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Staaten und nicht der EU. Was mich persönlich auch zutiefst schockiert, ist was im Kielwasser der Pandemie derzeit in Ungarn abgeht. Regierungschef Orban hebelt in einer Nacht- und Nebelaktion das Parlament aus und kann praktisch alleine – per Dekret – und ohne zeitliche Befristung regieren. In Zeiten der Corona-Krise und solcher Geschehnisse muss die EU unverzüglich und unmissverständlich handeln. An solchen Beispielen muss die Stärke der Union unter Beweis gestellt werden.

Wird die Idee der unabhängigen Nationalstaaten wieder stärker an Zulauf gewinnen?

Ja. Auch wenn ich der Meinung bin, dass sich diese Entwicklung nicht auf Dauer halten wird. Hier ist es auch wie bei den vorhin genannten Dingen: Man wird die EU wieder schätzen lernen. Durch diese Krise werden viele Masken fallen. Populisten wie Bolsonaro, Orban oder Trump sind mit der Krise völlig überfordert. Es braucht kühle, intelligente und souveräne Köpfe am Hebel wie Ministerpräsident Conte, oder lokaler, unseren Landeshauptmann Arno Kompatscher.

Diese Thematik trifft sich indirekt auch mit dem Hauptthema, das die Medien vor der Krise bedient hat: Die Klimakrise.

Ja, absolut. Die Emissionsziele können sowieso nur erreicht werden, wenn wir uns auf den regionalen Markt konzentrieren. Das ist ein Weckruf, den wir gerade erleben.
Außerdem muss ich auch sagen, dass ich es ganz spannend finde, wie schnell sich die Umwelt von der Verschmutzung des Menschen erholt. Derzeit wird offensichtlich, welchen Einfluss der Mensch tatsächlich auf die Umwelt hat, weil viel still steht. Venedigs Kanäle sind wieder klar, die Luft über Großstädten wird sauberer und im Hafen von Triest wurden sogar Delfine gesichtet. Und das schon nach ein paar Wochen! Wir verschaffen dem Planeten gerade – unfreiwillig – eine kurze Atempause.

Beitragsfoto: Jasmin Ladurner

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