#4 Thomas Kobler

#4 Thomas Kobler

Thomas Kobler ist hauptamtlicher Mitarbeiter des Meraner Kultuvereins ost west club est ovest. Durch seine Arbeit hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass aus dem Club das wurde, was er heute ist. Als einer der Organisatoren des legendären Rock the Lahn Festivals hat er Weltstars wie Limp Bizkit und die Dropkick Murphys nach Meran geholt. Der gebürtige Meraner hat sich dem sozialen Austausch und der Arbeit mit Menschen verschrieben, was sich nicht zuletzt in seine Studien in Sozialpädagogik und Politikwissenschaft widerspiegeln. Tom trägt eine unbändige Leidenschaft in sich, die sich vor allen Dingen in Debatten über Politik und Zeitgeschehen zeigt. Und so ist dieses Interview, das eigentlich einer festen Linie folgen sollte, zu einem angeregten Gespräch mit sehr viel Leidenschaft und einer ungewissen Prognose für die Zukunft geworden.

Tom, hi! Wie geht’s dir?

Nicht besonders gut, wir leben in stürmischen Zeiten. Die Angst um meine psychische Gesundheit und den Job treibt auch mich um, wie eben viele andere auch momentan. Ich frage mich, wie es mit dem Club weitergehen soll und ob die Regelungen es zulassen werden, dass wir in den nächsten eineinhalb, bis zwei Jahren noch unsere Tätigkeit in der Passeirergasse ausüben können. Manche sind da relativ positiv eingestellt. Ich bin da schon etwas pessimistischer.

Warum solltet ihr keine Tätigkeiten mehr haben?

Weil uns die Abstands-Regeln das Genick brechen. Du warst ja selbst erst im Club. Die zwei Meter Abstand, die jetzt jeder einhalten soll, sind bei uns einfach nicht umsetzbar. Erinner dich bloß mal an das Dead Like Juliet Konzert im Dezember, da war der Raum bis obenhin mit Menschen voll. Deswegen glaube ich, kommt da eine relativ ungewisse Zukunft zu.

Du glaubst, dass ihr in der nächsten Wintersaison nicht mehr aufsperren könnt?

Ich glaube nicht, dass wir unsere Tätigkeiten so wie bisher weiterführen können, bis nicht ein Impfstoff gefunden wurde, oder bis wir die Herdenimmunität erreicht haben.

Was ist mit dem Ost-West-Countryclub? Der bietet doch mehr Platz.

Dort entscheiden wir bis zum 1. Juni was heuer passiert. So wie ich das aber verstanden habe, wird in diesen Tagen ein staatliches Dekret veröffentlicht, das alle großen Veranstaltungen bis zum 31. Juli verbieten soll. Und wenn wir bis dahin nichts mehr machen dürfen, wird es schwierig noch etwas auf die Beine zu stellen was sich dann auch noch für uns auszahlt. Wie gesagt, niemand weiß in der derzeitigen Situation wirklich Bescheid, die meisten fahren auf Sicht. Ich hoffe das Beste, rechne aber gleichzeitig mit dem Schlimmsten.

Ihr könntet die größte Fete schmeißen, die Meran je gesehen hat. Ihr seid die sprichwörtliche Fete nach der Quarantäne.

[Lacht] Ja eh, das glaube ich schon auch. Aber dafür werden wir möglicherweise bis 2021 warten müssen. Ich bezweifle stark, ob daraus heuer noch etwas wird. Ich meine, sieh dir mal das Gelände an. Wir haben im Country Club drei verschiedene Eingänge wo wir quasi an jedem Eingang eine Security positionieren müssten, um die richtige Menge an Menschen reinlassen zu können. Wir haben am Wochenende im Sommer gerne mal 3-400 Leute zugegen. So etwas wäre schwierig umsetzbar, auch wenn vielleicht nicht gänzlich unmöglich. Zusätzlich bezweifle ich auch, dass wir für solche Veranstaltungen dann überhaupt eine Genehmigung kriegen werden. Aber da sitzen wir mit vielen anderen VeranstalterInnen und Kulturschaffenden in einem Boot. Es handelt sich hierbei um eine der Branchen, die von diesem Virus dauerhaft am stärksten betroffen sein werden.

Was könnte man tun, um euch zu unterstützen?

Ich kann dir schon mal sagen, das Geld aktuell noch nicht das Problem ist. Es wird es irgendwann werden, klar. Aber im Moment haben wir bis auf die Mieten und Gehälter, keine anderen großen Ausgaben oder Fixspesen. Wer den Club aktuell unterstützten möchte, macht das am besten, in dem er/sie Mitglied bei uns wird. Man kann natürlich auch Spenden überweisen oder als Sponsor bei uns einsteigen. Ansonsten versuchen wir noch ein wenig weiterzuarbeiten und aktiv mit unseren Mitgliedern über unsere Kanäle zu kommunizieren und zumindest ein wenig digitale Kultur zu vermitteln. Auch wenn wir nicht viel machen können, aber etwas ist es auch. Aktuell sind unsere vier MitarbeiterInnen in der Lohnausgleichskasse. Mich beruhigt im Moment, was Landesrat Achammer gesagt hat, dass sich die Vereine mit Festangestellten nicht Sorgen machen müssen, weil das Land dort definitiv aushilft.

Wo könnte man ansetzen? Sollte man die Maßnahmen einfach lockern?

Grundsätzlich glaube ich, dass man auf die Eigenverantwortung der Menschen zählen sollte. Man muss den Menschen mehr zutrauen. Ich bin mir sicher, dass die meisten die Not der Lage verstehen würden und sich an die Verordnungen und Abstandsregelungen halten. Natürlich bei weitem nicht alle, Arschlöcher gibt es schließlich immer, aber ich bin mir relativ sicher, dass es größtenteils funktionieren würde. Karl Lauterbach, der deutsche Politiker und Mediziner hat es relativ klar auf den Punkt gebracht. Was wir brauchen sind diese Abstandsregelungen, gute und sichere Masken (keine Halsschläuche), flächendeckende Tests und möglicherweise diese App. Diese vier Dinge könnten, wenn sie vom allergrößten Teil der Bevölkerung angewandt werden, die Pandemie in absehbarer Zeit zurückdrängen. Wir können die Menschen nicht monatelang zu Hause eingesperrt lassen. Nicht jeder hat ein Haus mit Garten oder Dachterrasse. Viele Menschen leben in kleinen Wohnungen auf wenigen Quadratmetern und kaum einer Möglichkeit, sich an der frischen Luft zu bewegen. Für mich ist die aktuelle Situation bezeichnend für den Klassenunterschied den wir auch in unserem reichen Land noch haben. Diese Romantisierung der Quarantäne ist ein Privileg der gehobenen Gesellschaftsschicht.

Glaubst du nicht, dass diese Romantisierung von der du sprichst, auch ein Schutzmechanismus ist? Die Leute versuchen aus der ganzen Sache einfach einen Sinn zu ziehen. Sie versuchen zu verstehen, warum das alles passiert.

Ja, das kann ich schon nachvollziehen, auch wenn ich es nicht gut finde. Ich sehe keine Chance in der Krise. Das, was da passiert ist eine historische Katastrophe. Und es profitieren immer die Großen davon. Sieh dir Amazon an, Bezos ist der größte Profiteur der Krise.

Wo glaubst du, muss sich dann alles hin entwickeln?

Ich glaube wir sollten uns insbesondere in den großen Wirtschaftssektoren die Frage stellen, wo wir wirklich hinwollen. Dieses immer höher, immer schneller, immer weiter vor allen Dingen im Tourismus, aber auch in anderen Bereichen konnte auf Dauer nicht gut gehen. Schau dir an, wie viele gesellschaftliche Bereiche wir bereits kommerzialisiert haben. Das war schon pervers und so hätte das nie weitergehen können. Unser Wirtschaftssystem muss einfach nachhaltiger werden und wir sollten das jetzige Vakuum nutzen, um diese Transformation zumindest andenken zu können. Aber wir sollten auch über unseren Umgang untereinander sprechen. Ich frage mich selbst schon seit einigen Jahren und befeuert durch einen persönlichen Schicksalsschlag, wo die Sanftheit der Menschen geblieben ist? Warum „Härte“ nach wie vor als Tugend gilt, während Sensibilität und Emotionalität als Schwäche angesehen werden. Mir kommt vor, wir optimieren uns zu Tode. Das beginnt beim Sport, geht weiter über die Ernährung, die Ausbildung, den Beruf, unsere Lebensmodelle insgesamt. Wir bewundern die Starken, die Reichen, die Siegertypen und denken und sprechen abfällig über die Langsamen, Zurückgezogenen und Einsamen. Warum sprechen wir in der Öffentlichkeit nicht mehr über psychische Probleme und Krankheiten? Warum erkennen wir nicht, dass es die (gesellschaftlichen) Umstände sind, die die Menschen in den modernen Gesellschaften krank machen? Wir sollten über die zunehmende Individualisierung und damit einhergehende Vereinsamung der Menschen sprechen (und das betrifft bei Weitem nicht nur die vielen alleingelassenen Menschen in den Seniorenheimen). Suizide sind etwas das wir hier in Südtirol fast schon als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Es ist uns scheinbar egal und wir fragen nicht nach den Gründen, warum wir die höchste Selbsttötungsrate Italiens haben. Das was wir machen, sind irgendwelche nett-gemeinten Kampagnen, die öffentlichkeitswirksam inszeniert werden, aber niemals versuchen wir die Wurzel all dieser Probleme anzugehen. Wahrscheinlich weil wir uns dann allesamt verstärkt mit unseren ureigenen Anteilen beschäftigen müssten. Wir machen dann halt einfach weiter vorher und wie immer, weil wir nur dieses „Immer weiter“ kennen und nie gelernt haben, dass es auch andere Denk- und Lebensmodelle möglich wären. Seien wir doch mal ehrlich, hierzulande bist du etwas, wenn du ein hohes Einkommen, ein großes Haus und ein großes gesellschaftliches Ansehen besitzt. Ob du im zwischenmenschlichen Bereich dann eher eine Niete bist, ist nicht so wichtig, schließlich sind es andere „Vorzüge“ die dich als Person charakterisieren. Fleiß, Arbeitsamkeit, Angepasstheit und Erfolg sind Werte, die bei uns allgemein hin akzeptiert und geschätzt werden. Mir ist dieses Lebensmodell relativ fremd. Mich hat es grundsätzlich und eigentlich immer schon zu den Schwächeren und Marginalisierten hingezogen. Ich halte es deshalb auch da mit dem großen Alexander Langer: Wir brauchen in fast allen Lebensbereichen ein „langsamer, tiefer, sanfter“.

Kann Tourismus überhaupt nachhaltig sein? Tausende Kilometer zu fahren und dann auf Nachhaltigkeit zu machen ist doch ein Widerspruch an sich.

Ja, das glaube ich schon, wenn auch nicht hundertprozentig. Sieh dir mal den Tourismus unserer Großeltern an. Die haben eine Frühstückspension mit einem Bad angeboten und das wars. Es hat funktioniert. Unsere wunderschöne Natur hat den Rest erledigt. Natürlich wird das nie mehr so sein, aber wir können sehr wohl einen Schritt in diese Richtung machen. Es sind wie immer der Neid, die Missgunst und die Gier, die dazu beitragen, dass bestimmte Menschen einfach nie genug bekommen können. Gerade im Tourismusbereich auch hier in Südtirol, zeigt sich das an zu vielen einzelnen Beispielen immer wieder exemplarisch.

Wie glabst du wird sich das Image Südtirols entwickeln?

Ich glaube Südtirol hatte ziemliches Glück, dass man es hierzulande doch noch im allerletzten Moment geschafft hat, die Skigebiete zu schließen, auch wenn Anfang März noch allerlei Pressemitteilungen von höchster Stelle verschickt wurden, dass unser Land ja sowieso Corona-frei wäre und die Touristen problemlos zum Skifahren kommen können. In Ischgl und St. Anton ist das weniger glimpflich abgelaufen. Wir haben nur ein klein wenig mehr Glück gehabt, das ist alles. Aber auch hier hätte der Supergau passieren können, der unseren Nachbarn aufgrund von Profitgier nun blühen wird. Sollte Corona in etwa zwei Jahren vorbei sein, dann wird sich dieses Land meiner Meinung nach relativ schnell wieder erholen und den Image-Schaden mit groß angelegten Werbekampagnen versuchen wieder wett zu machen. Erste Schritte werden dazu ja bereits unternommen.

Weil du vohin Amazon angesprochen hast: Glaubst du der Markt wird sich regionalisieren?

Nein, das glaube ich alles nicht. Vielleicht in kleinen Ansätzen, aber die Zeit nach Corona wird nicht viel nachhaltiger oder fairer sein, wie vorher. Im Gegenteil. Die, die vor der Krise wenig hatten, werden auch nach der Krise wenig haben und die vor der Krise viel hatten, werden jetzt noch mehr haben. Die wichtigste Zuschreibung für unsere Gesellschaft und damit indirekt auch auf den Markt ist, und wie Hartmund Rosa richtig erkannt hat, die Beschleunigung. Diese Beschleunigung in allen möglichen Alltagsbereichen führt zur Entfremdung des Menschen. Und man muss den verantwortlichen PolitikerInnen doch nur zuhören: „Wir müssen das System so schnell wie möglich wieder hochfahren“, „wir werden stärker denn je zurückkommen“. Sprache ist nach Foucault einer der entscheidenden Machtfaktoren und wenn man ihre Reden hört, dann ist zumindest meine Hoffnung gering, dass sich nach Corona wirklich etwas ändert.

Wie glaubst du, werden Populisten aus der Krise hervorgehen?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Kommen wir mit einem halbwegs blauen Auge davon, werden Trump, Johnson und Komparsen gute Chancen haben, sich als erfolgreiche Krisenmanager zu inszenieren. Wenn es wirklich hässlich werden sollte, dann sind meiner Meinung nach auch große politische Umwälzungen nicht auszuschließen. Schauen wir beispielsweise mal nach Ungarn und Slowenien. Dort regiert ein Viktor Orban de facto alleine per Dekret. Salvini ist auch jemand, der mehr und mehr mit den Machthabern in China und Russland kokettiert und im Fall von Neuwahlen mit seiner Partei, der Lega Nord, die stärkste Fraktion im römischen Parlament stellen würde. Ich glaube, es ist jetzt verfrüht Prognosen abzugeben, wer aus dieser Krise als politischer Gewinner oder Verlierer hervorgehen wird. Grundsätzlich hat jener die besten Chancen, der sein Land halbwegs unbeschadet durch die Krise navigieren kann. Siehe Angela Merkel, die im Moment von einem Umfragehoch zum nächsten eilt. Ganz im Unterschied zur Fraktion der Grünen um Robert Habeck, die bis Februar die besten Umfragewerte der Grünen in der Geschichte der Bundesrepublik hatten, aber die nun eben kein Regierungsmandat haben und deshalb entsprechend kaum Möglichkeiten besitzen, sich öffentlichkeitswirksam zu inszenieren.

Glaubst du, dass sich der Home-Office-Trend halten wird?

Ja, das ist ein Trend, der meiner Meinung nach nicht aufzuhalten ist. Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung und haben hier in Südtirol noch keine Ahnung was da noch alles auf uns zukommen wird.

Wie kann man der androhenden Welle an Arbeitslosen entgegnen?

Ich bin Politikwissenschaftler und Sozialpädagoge und kein Ökonom. Ich kann Zustände versuchen zu beschreiben, aber ich muss gestehen, dass ich dafür nun wirklich kein Patentrezept habe. Viele sprechen jetzt von einem bedingungslosen Grundeinkommen. Die Spanier scheinen es wirklich versuchen zu wollen. Ich finde die Idee grundsätzlich gut und sinnvoll, aber nur unter der Voraussetzung, dass diese öffentliche Zuwendung nicht ein besseres Sozialhilfegehalt wird. Je nach Einkommensstruktur in den europäischen Ländern müsste es entsprechend angepasst werden. Es müsste aber, um den Bogen zu Südtirol oder Italien zu spannen, ein Grundeinkommen sein, das die 1000 Euro Grenze definitiv nicht unterschreitet. Jedem Menschen müsste durch die Einführung eines solchen Grundeinkommens garantiert werden, dass er mit diesem Unterhalt ein würdiges Leben bestreiten kann, also dass effektiv die Wohnungskosten und Ausgaben für den täglichen Bedarf (Essen, Medikamente usw.) gedeckt werden können. Eine andere Möglichkeit wäre es in jenen Sektoren die Gehaltsobergrenzen deutlich anzuheben, wo die öffentliche Hand in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten den Sparstift angesetzt hat. Wir könnten beispielsweise deutlich größere finanzielle Anreize beim Sanitätspersonal und im Pflegebereich setzen. Um diese Modelle finanzieren zu können, müsste man aber zwangsläufig jenen, die viel haben, einiges wegnehmen und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Mächtigen und Reichen kampflos einen größeren Teil ihres Kuchens aufgeben werden.

Beitragsbild: Thomas Kobler

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