Artificial Intelligence

Sprechen Sie Roboter?

ChatGPT verändert nicht nur Geschäftsmodelle, sondern auch unsere Sprache. Die Chancen für kleine Unternehmen sind groß  – aber anders, als Sie vielleicht denken.

Von Thomas Tribus

Wir alle nutzen es. ChatGPT hat unsere Büros, Wohnungen und Smartphones im Sturm erobert – zurecht, denn was gibt es daran auch nicht zu mögen? Ein superintelligenter Assistent, der die langweiligen Aufgaben übernimmt, die sich seit Wochen auf unseren Schreibtischen stapeln? Sign me up.

Doch wie bei jeder neuen Erfindung gibt es auch hier eine Kehrseite.

Aktuelle Studien des Max-Planck-Instituts, die über 700.000 Stunden Podcasts und YouTube-Videos ausgewertet haben, zeigen einen auffälligen sprachlichen Wandel. Seit der Veröffentlichung von ChatGPT Ende 2022 ist der Gebrauch von „GPT-bevorzugten“ Wörtern – wie delve, meticulous und bolster – rasant angestiegen. Was früher nach akademischem Fachjargon klang, gehört heute zum Wortschatz im Alltag.

Natürlich ist diese Entwicklung für viele positiv: klare Sätze, bessere Grammatik, präzisere Kommunikation. Besonders Studierende, Berufstätige und Nicht-Muttersprachler profitieren.

Doch das hat seinen Preis.

Sprachwissenschaftler warnen vor einer zunehmenden Homogenisierung der Sprache. Die Eigenheiten, die Stolperer, die Regionalismen – all das, was Sprache persönlich und einzigartig macht – droht zu verschwinden. 

Die Chance für Südtirol

Dieses Phänomen trifft unsere Region besonders stark. Südtirol ist für seine zersplitterte Topografie und sein sprachliches Flickwerk bekannt. Jedes Tal hat hier seinen eigenen Dialekt. Kultur und Kommunikation verändern sich alle zehn Kilometer.

Doch das Internet kennt keine alpinen Grenzen. Memes, YouTube Shorts, Instagram Reels erreichen selbst den entlegensten Weiler. Und mit ihnen verbreiten sich auch bestimmte Sprachmuster. Ein Spaziergang durch irgendeinen Ort genügt: Die Pension heißt jetzt Guesthouse, der Friseur ist ein Barber, der Loden Store.

Angesichts der dreisprachigen Realität der Region mag eine sprachliche Vereinfachung sinnvoll erscheinen. Aber wenn alles klingt wie überall – was bleibt dann noch einzigartig?

Wenn jedes Produkt gleich klingt – egal ob aus dem Vinschgau oder dem Pustertal – warum sollte sich jemand für deines entscheiden? Warum sollte ein Tourist dein Zimmer buchen, wenn es die selbe Tonalität besitzt, das hundert Kilometer entfernt liegt?

Glaubwürdigkeit und Vertrauen

Die erwähnten Studien zeigen auch: Menschen empfinden KI-generierte Sprache als weniger authentisch vertrauenswürdig. Für die Marketing und Werbe-Branche ist das ein echtes Problem. Aber auch eine echte Chance.

So wie Craft-Bier und handgemachte Seifen in einer Welt der Massenproduktion erfolgreich wurden, könnte auch unperfekte Sprache zum Zeichen von Echtheit werden. Sprachliche Eigenheiten – Dialekte, Redewendungen, der menschliche Tonfall – könnten zum stärksten Kapital deines Unternehmens werden.

Also, liebe Marketer, Werber:innen und Markenstrateg:innen: Lasst eure Botschaften herausstechen. Seid lokal. Seid eigen. Seid menschlich.
Und ja – bezahlt euren Freelancer die eine Stunde mehr.
Es zahlt sich aus.

Glaubwürdigkeit und Vertrauen.
Das ist euer Vorsprung.